Vom geistigen Aroma

Literarisches: Er möchte an eine legendäre Tradition anknüpfen, denn „Kaffee und Kultur gehören zusammen“, meint Kaffeehaus-Besitzer Hanspeter Hagen.
Vom geistigen Aroma
In den Wiener Kaffeehäusern der 20-er Jahre, besonders in den „literarischen Cafés“ Griensteidl, Central und Herrenhof, zählten vertraute Dichternamen wie Egon Friedell, Joseph Roth oder Heimito von Doderer zu den Stammgästen. Was den besonderen Reiz ausmachte, verrät anspielungsreich der Volksmund: „Man ist nicht zuhaus’ und doch nicht in der frischen Luft.“
Das wusste Peter Altenberg zu schätzen, dessen Adresse schlicht lautete: „Café Central, Wien I.“ Der bekennende „Centralist“ Alfred Polgar berichtet, dass dort Leute verkehrten, „die allein sein wollten, aber dazu Gesellschaft brauchen“. Wie Karl Kraus, „weil er ein Einsamer war, wollte er nicht angesprochen, nicht gegrüßt werden.“ Stattdessen las er jene Zeitungen, die er hasste. Arthur Schnitzler stichelte über seinesgleichen, die Kaffeehaus-Literaten, „denen am Vormittag nichts einfällt, und dann ihre Gedanken am Nachmittag austauschen“. Hans Weigel dagegen ist vollkommen zufrieden mit seinem „Schalerl Großer Schwarzer“, den er rühmt als „Würze des Hirns, Speise der Vernunft und friedliches Genussmittel“.
Solch originelle Definition ist ganz nach dem Geschmack von Hanspeter Hagen, der vor zehn Jahren im Heilbronner Industriegebiet eine marode Fabrikhalle in ein schmuckes Kaffeehaus umbaute. Wie er sich mit seinem Familienbetrieb (seit 1934) gegen „die unheilige Allianz der Konzerne“ behauptet, erklärt er mit der Philosophie des Unternehmens: „Die Leidenschaft und Fantasie ist der Antrieb. Wir wollen durch Qualität und nicht über Dumpingpreise unsere Kunden überzeugen.“
Diese können in Seminaren „ihr Bewusstsein für die Kaffee- und Teekultur schärfen“, sich über den Sinn und Nutzen von „Transfair-Kaffee“ informieren, mit dem die Kaffeebauern in den Entwicklungsländern unterstützt werden; man darf dem Röstmeister bei der Herstellung der über 60 Mischungen zuschauen, und sich anschließend von denselben im eigentlichen Kaffeehaus verwöhnen lassen, das mit seinen vielen nostalgischen Sammlerstücken das Auge erfreut.
„Ein Abend im Kaffeehaus ist nützlicher als das Lesen von 100 Büchern“
Englisches Sprichwort
Inzwischen ist das Kürzel „Im Hagen“ der geläufige Begriff für ein anspruchsvolles Kulturangebot. In stilvollem Ambiente, mit Flügel und kleiner Bühne, in lichter Atmosphäre, bei Blues & Jazz, Autorenlesungen, Theater, Kabarett, literarisch-musikalischen Auftritten, umweht vom angenehmen Kaffeeduft, genießen die Besucher jenes geistige Aroma, das die unverwechselbare Kaffeehaus-Kultur verströmt. Nicht zu vergessen jene Möglichkeiten, die Peter Altenberg zu einer wunderschönen Hymne inspirierten:
„Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene - Kaffeehaus! Du bist Beamter und wärst gern Arzt geworden - Kaffeehaus! Du findest keine, die dir passt - Kaffeehaus!“ „Man kreditiert dir nirgends mehr - Kaffeehaus!“
